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Franz I. (65), Luzern: Lieber eine Umarmung statt Ratschläge

Franz I. (65) hatte im Winter 2013 eines Abends eine plötzliche, völlige Denkblockade. Seine Frau Bernadette I. (60) brachte ihn sofort ins Spital. Nach umfassenden Abklärungen stand fest, dass er an Demenz erkrankt ist. Seither versuchen Franz und Bernadette, ihren Alltag trotz den spürbaren Einschränkungen so gut wie möglich weiterzuleben. Sie kommunizieren auch offen mit ihrem Umfeld über laufende Veränderungen. So lange er die Kraft hat, will Franz zu einer Bewusstseinsbildung rund ums Thema Demenz beitragen.

 

Franz und Bernadette wohnen zusammen mit dem jüngsten ihrer drei Kinder in einer schönen Wohnung mit prächtiger Aussicht über Stadt und Region Luzern. Sie schätzen und geniessen das sehr. Diese vertraute Umgebung wirkt auf Franz beruhigend und hilft ihm, wieder zu sich selbst zu finden, wenn es in seinem Innern mal wieder drunter und drüber geht.

 

Als ehemaliger katholischer Seelsorger ist Franz zwar vertraut mit den Abgründen, die sich im Menschen öffnen können. Aber selbst davon betroffen zu sein, zu spüren, wie Angst, Panik und massive Wut ihn überschwemmen können, ist sehr hart. „Es macht mich völlig unsicher. Und wenn ich dann z.B. gegen andere Leute noch ausfällig werde, tut mir das nachher äusserst leid“. Auch für Bernadette sind solche Momente besonders belastend. „Ich weiss dann nicht, was in ihm vorgeht. Ich kann ihn nicht mehr erreichen“.

 

Reizüberflutung zu vermeiden, ist eine Möglichkeit, solchen Momenten vorzubeugen. Franz: „Ich war sehr gerne mit anderen gesellig zusammen. Aber das geht kaum mehr. Ich kann den verschiedenen Gesprächen nicht mehr folgen, fühle mich dann ausgeschlossen, nur noch als der unnütze kranke „Dubbel“.“

 

Franz findet, dass die Leute allgemein sehr wenig über Demenz wissen. Er will daher mit seinem Beispiel zu einer Bewusstseinsbildung beitragen. Mit unbedarften Ratschlägen von Aussenstehenden kann Franz gar nichts anfangen: „Sie sollen mich lieber umarmen, als mich mit Ratschlägen wütend zu machen“.

 

Vertrautheit finden Franz und Bernadette darin, zusammen ein Glas Wein zu trinken und ein paar Runden „Rummy“ zu spielen. „Darin bin ich gut“, freut sich Franz.

 

Und noch etwas hilft Franz, seine Mitte zu finden und etwas Sinnvolles zu machen: Zwei bis drei Tage pro Woche ist er im „Haus der Gastfreundschaft“ im Entlebuch und übernachtet auch dort. Zusammen mit den Gästen, die dort Ruhe und Besinnung suchen, arbeitet der Bauernsohn im Garten und kann als erfahrener Seelsorger dabei auch manch gutes Gespräch führen.

 

Bernadette ihrerseits träumt davon, mal mit anderen, ähnlich alten Menschen zusammen ein grösseres Haus zu bewohnen, in dem sich auch alle im Rahmen ihrer noch vorhandenen Möglichkeiten gegenseitig unterstützen können. Sie weiss, dass es viel Energie braucht, um diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Da sie noch intensiv arbeitet, stockt die Umsetzung zurzeit. Doch die Vision bleibt: Eine Lebensform, die den Bedürfnissen von Menschen mit Demenz und ihren Begleitenden gerecht wird.

 

Franz geht heute vor allem vom Jetzt aus. „Ich übe mich in der Kunst der Zufriedenheit und löse mich von vielem, was war“. Aber über die fernere Zukunft macht er sich kaum Illusionen: „Eines Tages muss ich wohl in ein Heim. Ich weiss, dass diese Zeit kommt – und es bedrückt mich oft“.