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Marie-Hélène I. S. (68), Sierre: Plötzlich machte ich unerklärliche Fehler

Moderne Hilfsmittel tragen dazu bei, dass Marie-Hélène I. S. und ihr Mann Jürg S.-I. (68) ihren gemeinsamen Alltag gut bewältigen, obschon Marie-Hélène vor rund vier Jahren die Diagnose Demenz erhielt.

 

Marie-Hélène I. S. schaut auf eine spannende, anspruchsvolle und sehr vielseitige berufliche Laufbahn zurück. Als französischsprachige juristische Mitarbeiterin des Bundesrates hat sie z.B. an der Gründung des Kantons Jura mitgearbeitet und beim Ausarbeiten des neuen Familienrechtes in den 70er Jahren. Letzteres hat sie gleich persönlich umgesetzt. Bei ihrer Heirat hat sie als erste Frau im Kanton Wallis ihren Mädchennamen behalten und den Namen ihres Mannes Jürg S. ohne Bindestrich dahinter angefügt.

 

Marie-Hélène hat zusätzlich Diplome für Übersetzungen von Englisch oder Deutsch ins Französische erworben. Immer wieder erhielt sie Aufträge für ausgesprochen anspruchsvolle Übersetzungen. Und beim Übersetzen begann es, etwa 2011. In den Texten tauchten unerklärliche, grobe Fehler auf. „Manchmal hatte ich einen Nebel im Kopf“, erinnert sich Marie-Hélène. “Ich brauchte auch viel länger, um eine Seite zu übersetzen“.

 

Jürg begleitete seine Frau zu einem Spezialisten in Sierre. Es folgten Untersuchungen und Tests und dann die Diagnose „Demenz“. Marie-Hélène erhielt gleich ein verzögerndes Medikament, das sie ohne grosse Nebenwirkungen nehmen kann.

 

Jürg S.-I. arbeitet heute noch als Kommunikationsfachmann. Das zeigt sich auch darin, wie er und seine Frau mit der Demenz umgehen. „Ich bin für Marie-Hélène lückenlos 24 Stunden erreichbar, auch wenn ich auswärts bin. Wir haben modernste Smartphones. Marie-Hélène kann damit problemlos umgehen“. Marie-Hélène ist so auch mit ihrer Schwester in Genf und ihrer Tochter in Sierre verbunden.

 

Es kommt schon vor, dass ab und zu etwas nicht klappt. „Einmal habe ich die Bäckerei nicht mehr gefunden, wo ich täglich Brot einkaufe“, erwähnt Marie-Hélène. „Ein anderes Mal bin ich in den falschen Zug gestiegen“. Anrufe an die Bezugspersonen mit dem vertrauten Smartphone helfen dann, die Situation zu bereinigen.

 

Wichtig ist auch das „Whiteboard“ bei der Wohnungstüre. Marie-Hélène und Jürg notieren darauf die aktuellen Termine. Oft halten sie das Tagesprogramm noch auf einem Blatt fest, das dann auf dem Esstisch aufliegt.

 

Jürg weiss, wie man zu detaillierten Informationen kommt. Eine wichtige Quelle ist für ihn das Internet. So schwört er auf die positive Wirkung von Kokosöl und Heidelbeersaft und allgemein auf eine gesunde Ernährung. Viel Gemüse, Früchte und kaum Fleisch seien vorteilhaft. Alkohol ist tabu, höchstens mal die Lippen etwas mit Rotwein befeuchten: Nicht einfach für die ehemalige Geschäftsführerin eines mittleren Walliser Weinproduktionsunternehmens – auch das war Marie-Hélène zeitweise.

 

Im Alltag schätzt Marie-Hélène Routinen wie das tägliche Spazieren mit dem Hund, häufige Besuche der Enkelin, regelmässige Kontakte mit der Schwester und nicht zuletzt Klavier spielen.

 

„Dann sind da noch die Wutausbrüche“, erzählt Jürg. Sie können zu einer Demenz gehören. „Sie erschrecken mich nicht mehr. Nach fünf Minuten ist alles vorbei und Marie-Hélène erzählt, dass sie am Morgen den Hund gebürstet habe“.